Dr. med. Ümit Bir,   27.06.1929 - 28.06.2014 war ein deutscher Arzt, der in Wolfsburg in Niedersachsen lebte. Als Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters wuchs er in Izmir und in Istanbul in der Türkei auf. Er studierte Medizin in Istanbul und kam als Arzt nach Berlin, wo er am Klinikum in Charlottenburg tätig war. 1958 kam er nach Wolfsburg und wurde an der Geburtshilflichen Klinik tätig. Später gründete er eine eigene Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wolfsburg. Er starb in Flechtorf bei Wolfsburg im Alter von 85 Jahren.

 

Der Mensch

Ümit Bir war ein Reisender, ein Reisender in die Tiefen der Kulturen des Ostens. Seine Reisen brauchten Zeit, Zeit die Dinge abseits der touristisch erschlossenen Wege zu erleben. Er organisierte seine Reisen darum stets selbst. Als Weitgereister wurde er von einem exklusiven Club von Weltreisenden zur Mitgliedschaft aufgefordert. Dabei hatten seine Reisen keineswegs den Ankauf von Sammlerstücken zum Ziel, er war neben den Bauwerken und den Kulturschätzen immer auch an den Menschen interessiert. Ümit Bir war ein Meister der außergewöhnlichen Begegnungen, er gewann die Menschen sofort mit steter Herzenswärme, gleich aus welcher Schicht, welcher Religionen, welchem Land sie stammten. Als er einmal auf einem orientalischen Markt einen Burschen sah, der erfolglos seine Petersilie anpries, stellte er sich zu ihm, nahm die Petersilie und hatte in Kürze, durch marktschreierisches Tun, die Ware verkauft – noch jahrelang rief dieser junge Mann bei ihm in Deutschland per Telefon an, um ihn zu grüßen, was sicherlich erheblichen finanziellen Aufwand für ihn bedeutete. Ümit Bir war darauf bedacht jedem mit großem Respekt und Achtsamkeit zu begegnen und in fremden Ländern die Zurückhaltung eines Gastes zu üben, ein Kommentar während einer Reisevorbereitung: „ … wenn man in diesem Land keine kurzen Hosen mit Sandalen trägt, tragen wir das dort auch nicht …“.

 

In seiner gewählten Heimatstadt Wolfsburg hielt er ein gastfreundliches, immer offenes Haus, in dem Menschen unabhängig ihres Alters, Berufes, Standes oder ihrer Religion ein und aus gingen. Er liebte Gesellschaft, viel Tee und gepflegte Gespräche. Gern bekochte er seine Gäste, die sich zwischen schönen Dingen, bei guter Musik und schönen Düften, aus mitgebrachtem Weihrauch, wohlfühlen sollten. Die abendlichen Gespräche über „Gott und die Welt“ waren frei von Hochmut oder Belehrung. Ümit Bir war ein beliebter Arzt, nicht selten lagen zum Weihnachtsfest Geschenke von Müttern, deren Kinder er vor Jahrzehnten entbunden hat, vor seiner Tür und immer wieder wurden ihm erwachsene Menschen von stolzen Müttern vorgestellt, mit der Bemerkung, dass er ihnen auf diese Welt half. Er war gerne Arzt „…eigentlich muss ein Arzt die schlimmen Krankheiten selbst erleben, um die Angst der Menschen zu verstehen…“. Das er als einer der ersten die Ultraschalluntersuchung nach Deutschland brachte und auch deren Einsatz lehrte, ist neben der Tatsache, dass unter seiner Leitung weit über 30.000 Kinder das Licht der Welt erblickten, eine der vielen Randnotizen. “ … der Arzt für Geburtshilfe und Gynäkologie hat nicht nur mit Krankheit, sondern auch mit dem Schönsten in der Medizin   zu tun…“.

Ümit Bir liebte die Menschen, er war ein Philanthrop und wenn hier von ihm geschwärmt werden soll, heißt das natürlich nicht, dass er frei von Fehlern war, so konnte er zum Beispiel schwer „nein“ sagen, was ihm natürlich nicht immer zum Vorteil gereichte.

Der Sammler

Sammeln war seine Leidenschaft, seine große Liebe, gänzlich ohne das Heischen nach Bekanntheit oder Ehre. Der Frage eines um die Sicherheit der Stücke besorgten Bewunderers: „ … warum bringen Sie die Sachen nicht in den Tresor einer Bank?“ folgte die entwaffnende Antwort: „… würden Sie Ihre Kinder in einen Tresor sperren? …“ Er wollte die Stücke um sich haben, sie jederzeit hervorzaubern können, was niemals inflationär geschah. Seine akribische Dokumentierung der Sammlung war auch Ausdruck seiner ständigen Beschäftigung mit den Stücken. Aber er wollte dem Schmuck auch einen Kontext geben, die Lebensumstände sollten sichtbar werden. Die orientalische Welt sollte sich von ihrer schönen Seite im Abendland präsentieren. Er sammelte weil er die Dinge schön fand, er liebte sie, es ging ihm weniger um Dokumentation, Forschung, Genauigkeit, oder Pädagogik. Ihm erzählten die schönen Dinge vom Leben der Menschen, von ihren Freuden, ihren Leiden. Auch die Bildersammlung mit Dias aus den Herkunftsländern der Sammlung wurde darum akribisch nach Themen archiviert.

Der Stifter und die Wucht des Schönen

Eine Kultur, die derart Schönes hervorbringt, kann in ihrem Kern nicht schlecht sein - und es handelt sich bei dem Schmuck um Gegenstände aus dem Alltag der Menschen und nicht um die Erzeugnisse einer Künstlerelite. Die Schönheiten der orientalischen Kultur sollen im Abendland für möglichst viele Menschen sichtbar werden, durchaus als Aspekt der Völkerverständigung. Ümit Bir´s  Sprachrohr, wenn er in der westlichen Welt um Verständnis für die Kulturen des Orients warb, war die Wucht des „Schönen“, der „schönen Dinge“, deren Bann man sich kaum entziehen konnte, wenn er ins Schwärmen geriet.  Eine Rückführung der Sammlung in ein orientalisches Land kam für Ümit Bir nie in Frage. Der Kontext, die Lebensumstände, das Lebensgefühl des normalen Menschen, die Lebenswelt des Orients soll im Westen als schön wahrgenommen werden, in ihrer Gesamtheit. Eine Pädagogik des Schönen. Darum hatte auch die „Peripherie“ um die Schmuckstücke herum für Ümit Bir eine sehr hohe Bedeutung: Textilien, Gewänder, Gefäße, Waffen, Manuskripte, Miniaturen, Literatur, Dias, Musik betrachtete er als Einheit. Zersplitterung  war seine Urangst, wie auch das Verschwinden der Stücke in den Archiven eines Museums. Ein zukünftiger Aussteller soll aus dem Vollen schöpfen können. Eine Ausstellungsgestaltung nach seinem Geschmack, hätte sicherlich zum Ziel gehabt, die Lebenswelten in den Herkunftsländern in möglichst vielen Facetten darzustellen. Nicht die Einzelstücke als Artefakte, sondern das Schöne im Leben des normalen Menschen soll sich zeigen. Welche Flut an Geschichten, an Einzelschicksalen strömt aus dieser Gebrauchskunst. Auch sollte die Komplexität einer zukünftigen Forschung entgegen kommen.

Dass eine Präsentation der positiven Aspekte jener Kulturen, insbesondere der islamischen Welt, in unserer Zeit derart aktuell, derart notwendig werden sollte, hat ihm am Ende seines Lebens große Sorgen bereitet. Der Zerfall, der Untergang der Länder, die er einst bereiste, erfüllte ihn mit Trauer, wie er auch der mit der Zerstörung verbundenen Gewalt unter den Menschen hilflos und sprachlos gegenüber stand.

 

Der Wert der Sammlung, als Botschafter orientalischer Kulturen, wird zukünftig, da diese offenbar in ihren Untergang gehen, unschätzbar.

 

Die längste Zeit seiner Sammlertätigkeit, machte sich Ümit Bir kaum Gedanken über den Fortbestand seiner Sammlung. Organisieren, verwalten, planen unter Berücksichtigung der Gefahren, die durch die Endlichkeit des Lebens seinem Werk drohen könnten, waren nicht seine Themen und gar das rutschige aber notwendige Pflaster der Diplomatie zu betreten, war ihm unmöglich. Die Notwendigkeit zur Errichtung einer Stiftung wurde dem eher Unwilligen von seinen Freunden dringlich vor Augen geführt und so wäre die Stiftung auch ohne die Arbeit seiner Freunde nicht realisiert worden. Ümit Bir hätte die Sammlung gerne an eine Person, die über selbiges Maß an leidenschaftlichem Engagement verfügt, weiter gegeben. Das gerade das unrealistisch sein würde, im Glanze seiner großen Liebe zu den Dingen, war eine Schwachstelle in seiner Planung.

Auch nach Errichtung der Stiftung blieb sein tiefster Wunsch, dass sich eines Tages eine Person finden würde, die die Sammlung in allen ihren Teilen, als Manifestationen einer kulturellen Vielfalt, so lieben würde, wie er es tat, denn dann wäre die Leidenschaft die treibende Kraft für den Fortbestand seines Lebenswerkes.

Carsten Busch im November 2015

 

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